Reisebericht Herr Aellig 2004

Abenteuer Transsib oder Die Entdeckung der Zeitlosigkeit

Ein Reisebericht von Pierre E. Aellig (Text und Bilder)

Von Tallin (Estland) mit der Bahn ans Fenster zum Westen nach St.Petersburg, nach Moskau an den Gruendungsort des riesigen russischen Zarenreiches und schliesslich durch ganz Sibirien nach Vladivostok, ans Tor zum fernen Osten.

Auf mein Ansinnen hin erhielt ich von Freunden und Bekannten Bemerkungen wie:
“Was! Du fährst mit der Transsibirische Eisenbahn ? – Mein heimlicher Traum.” “Du machst einen Bubentraum von mir wahr!” “Fährst du allein?”, “Ja”, “Dann musst du nie auf jemanden warten!” “Stimmt!” “Wieso im Winter?”, “Weil in Neuseeland Sommer ist!”

Neuseeland? Das war der Grund meiner Reise einerseits, um dort den ausgewanderten Teil meiner Familie zu besuchen, andererseits wollte ich mir einen lang gehegten Wunsch, Sibirien im Winter zu erleben, erfüllen. All die gestellten Fragen und Einwände, die auf mich einstürzten gaben mir doch auch einiges zu bedenken. Was ist, wenn du krank wirst, wenn du das Visum, den Pass in Russland verlierst, machst du eigentlich die Kalberei deines Lebens? Dann nahm ich mir Jean-Pauls Worte, eines Deutschen Schriftstllers des 18./19.Jh. vor: “Jede Reise verwandelt das Spiessbürgerliche und Kleinstädtische in unserer Brust in etwas Weltbürgerliches und Göttlichstädtisches.” Also, los!

Erster Bahnkontakt

Ich wollte Russland von West nach Ost durchqueren. Deshalb begann die erste Bahnfahrt in Tallinn, in der Hauptstadt Estlands mit seiner romantischen mittelalterlichen Altstadt. Spätabends bestellte ich das Taxi vors Hotel. “Bahnhof!”, sagte ich auf Englisch. Er verstand erst, als ich ihm mein Bahnbillet zeigte. “Aha! – Alle Touristen sonst wollen zum Hafen oder zum Airport!” Ich begriff sein Erstaunen, als ich von der Kälte und Dunkelheit kommend in die fast leere, grün gestrichene, kleine Bahnhofshalle trat, leere Bahnsteige sah. Kein Zug nirgendwo! Mani Matters Lied fiel mir ein: “Das isch ds lied vo de bahnhöf wo dr zug geng scho abgfahre isch oder no nid isch cho …” Mein Herz begann zu klopfen bis auf der Anzeigetafel mein Zug angekündigt wurde. Auf Gleis 5, einem Stumpengeleise, stand der Zug nach St.Petersburg bereit: Vier Wagen, eine Lok! Die Wagenbegleiterin wies mir den reservierten Platz zu, gab mir die Bettwäsche. Zwei russische Mitreisende teilten mit mir das Abteil. Es war recht eng. Endlich fuhr der Zug ab. Das regelmässige Rattern der Wagen, wenn die Räder über die Nahtstellen der Schienen fuhr, wirkte einschäfernd, ich glaubte es kaum! Doch aus dem tiefen Schlaf wurde ich plötzlich von den Zöllnern gerissen. Eine cabaretreife Szene in sprachlicher Hinsicht spielte sich zwischen den drei russischen Beamten und mir ab. Schliesslich verschwanden sie achselzuckend mit meinem Pass. Wieder Herzklopfen! – Später erhielt ich ihn von der Wagenbegleiterin wieder zurück. Am frühen Morgen wurde Tee gebracht. Wie war ich erleichtert, als ich, in St.Petersburg angekommen, am Ende des Bahnsteiges meinen Namen auf einem Schild entdeckte. Nie mehr werde ich die Schildli-Träger an Flughäfen und Bahnhöfen belächeln!

Das Fenster zum Westen

So nannte Puschkin, der russische Dichter zur Zeit Peters des Grossen im 18.Jh. St.Petersburg. Der Besuch der Stadt ist ein Muss. Tatjana, meine Stadtführerin, holt mich Punkt 10 Uhr morgens mit dem Chauffeur im Hotel ab. Sie spricht perfekt Deutsch, ohne je im Ausland gewesen zu sein. – Die Ermitage, der Winterpalast der Zaren, am mächtigen Alexanderplatz auf der einen Seite und der Neva, dem Fluss, der einige Kilometer weiter in den finnischen Meerbusen fliesst, auf der anderen Seite gelegen, umfasst eine begehbare Fläche von insgesamt 27 km Länge. “Und wenn man”, erklärte mir Tatjana, “alle Sammelobjekte im Palast während dreissig Sekunden betrachten wollte, bräuchte man 8 Jahre dazu.” Die U-Bahn liegt unwahrscheinlich tief. Da die Stadt auf sandigem Grund erbaut worden war fehlen hier die Hochhäuser. Den Sommerpalast in Puschkin mit dem Spiegelsaal und dem sagenumwobenen Bernsteinzimmer hier zu beschreiben wäre müssig. Beide Paläste symbolisieren die Mächtigkeit und Weite des russischen Reiches.

In der Stadt, wo die Transsib beginnt

Im Erstklasswagen des Nachtzuges von St.Petersburg nach Moskau kann ich mich wiederum auf die lange Fahrt mit der Transsib geistig einstellen. Doch zuerst kommt Moskau. Diesmal holt mich Nathalja mit Chauffeur im Hotel Rossia ab, das gegenüber dem Kreml und der St. Basilius Kathedrale liegt. Auch sie, eine junge Germanistik Absolventin, spricht ein nahezu perfektes Deutsch, ohne Russland je verlassen zu haben. Kompetent führt sie mich, stets die Hintertüren benutzend, durch den Kreml, fährt mit mir die nicht ganz einfach zu benützende U-Bahn, um die Tretjakow Galerie zu erreichen. Dort erläutert sie mir die einschlägigen Werke russischer Künstler des 18. bis zum 20.Jh. Dann erzählt sie mir, bei Kaffee und Blinys, die tragikomische Geschichte ihres Stiefvaters, der beim KGB (dem russischen Geheimdienst) ein hoher Beamter unter der Sowjetregierung gewesen, nicht mehr weiter befördert und entlassen worden war, weil er eine Tante in Australien hatte. “Und jetzt?” “Jetzt ist er Besitzer einer kleinen Firma mit 20 Angestellten in der Druckerei- und Werbebranche.” “Ist er zufrieden?” “Seine ungerechtfertigte Entlassung hat er nie überwunden!”

Endlich ist es soweit

Ein Chauffeur holt mich nachts um 2300 Uhr im Hotel ab und fährt mich zum Yaroslav Bahnhof. Um 2353 sollte der Zug Nr.10 der Transsibirischen Eisenbahn, in welchem ich die nächsten vier Tage verbringen werde, abfahren. Man zeigt mir den Weg durch die menschengefüllte Bahnhofhalle. Dort drin überkommt mich eine plötzliche Platzangst. Ich kämpfe mich mit dem Rollkoffer und dem Rucksack durchs Gewühl, komme jenseits der Halle wieder hinaus in die Kälte bei minus 21 Grad. Zum Glück habe ich mir bei den Reisevorbereitungen zu Hause das kyrillische Alphabet angeeignet, denke ich. So kann ich mich an den Anzeigetafeln orientieren, allerdings brauche ich ziemlich viel Zeit dazu, in welcher mir einiges hätte gestohlen werden können. Endlich finde ich den Bahnsteig. Zwanzig Minuten vor Abfahrt rollt der Zug mit dem Namen “Bajkal”, rückwärts ein. Am hintern Ende des Wagens 13 wartet die Zugsbegleiterin, die Prowodniza und nimmt mir das Billet ab. Ich steige ein. Im Wagen führt der mit einem Läufer belegte lange Gang zu den Abteilen. Die Fenster sind behangen mit glitzernd blauen Vorhängen, die seitlich hochgebunden sind und versuchen, dem Interieur Eleganz zu verleihen. Links befindet sich eine der beiden Toiletten, gegenüber steht der Samovar, der heisses Wasser für Tee und Kaffe liefert, im Abteil I haust die Wagenbegleiterin. Mit ihr sollte man sich sofort gut stellen, hat man mir gesagt. Danach folgen die Abteile II bis IX zu je zwei Plätzen. Fast ganz vorne befindet sich mein Abteil VIII. Ich trete ein und bin zunächst verblüfft: Fenster mit denselben blauen Vorhängen behangen, vor dem Fenster ein Tischchen mit Tischtuch, darauf ein Blumensträusschen. Zwei grosse Spiegel an den Seitenwänden über den Liegebetten lassen das Abteil grösser erscheinen, als es ist. Wie ich hineinblicke fällt mir wiederum Mani Matter ein: “im abteil bin i gschtande vor em spiegel, luege dry und gseh dert drinn e spiegel wo ar wand isch vis-à-vis und dert drinn wider spieglet sech dr spiegel da vor mir und i däm spiegel widerum dr spiegel hindefür …” Ich richte mich häuslich ein. Auf die Sekunde ganau, Moskauer Zeit, fährt der Zug. Der erste Teil von 5153 km der langen Reise von insgesamt 9297 km kann beginnen.

Nicht einmal ein Vogel weiss, wo die Taiga endet

Nach einem guten Schlaf erwache ich, als es zu tagen beginnt.Ein strahlend blauer Himmel von der aufgehenden Sonne am Horizont in rötliches Licht getaucht, liegt über der tief verschneiten Landschaft. Am Fenster flitzen kleine verträumte Dörfer vorbei mit Holzhäuschen in Grün und Blau, verziert mit Ornamenten. Birkenbäume begleiten das Bahntrassee, dann folgen endlose Birkenwälder. Ich erinnere mich daran, was mir Natalja in Moskau über die Birke erzählt hat: Sie gilt als Nationalbaum Russlands und hat Symbolcharakter, zum Beispiel sollen Frauen so schlank sein und bleiben wie die Birke und unter Birken tauschen Liebende ihre Briefe aus. Dass die Frauen in Russland birkenschlank sind, hab sogar ich bemerkt. – Dann folgt ein Mischwald mit Föhren, Fichten, Lärchen. Dahinter liegt die Unendlichkeit der Landschaft, wie der Schriftsteller Anton Tschechow sie beschrieb: “Die Eindruckskraft und der Zauber der Taiga liegt nicht in ihren Baumriesen und ihrer feierlichen Stille, sondern darin, dass nicht einmal ein Vogel, der über sie hinweg fliegt, weiss, wo sie endet.” Stundenlang kann man aus dem Fenster schauen, nie wird man von Langeweile befallen …

Was ist denn los mit der Zeit?

Irgendwo nach Novosibirsk erhasche ich während eines kurzen Haltes an der Bahnhofuhr die Zeit: 6 Uhr 25. Längst schon war es taghell, die Sonne stand bereits ziemlich hoch. “Da stimmt was nicht!”, denke ich. Ich erkundige mich bei der Wagenbegleiterin, die ein wenig Englisch versteht. “Moskau Zeit”, sagt sie, “njet Lokalzeit.” Lokalzeit? Moskau Zeit? Was soll das? Endlich finde ich heraus, dass der Fahrplan des gesamten russischen Bahnnetzes nach der Moskauer Zeit ausgerichtet ist. Kurz darauf entdecke ich in meinen Unterlagen, dass wir insgesamt sieben Zeitzonen durchfahren, nach jedem Tag ungefähr wird eine Stunde zugefügt. Mit zunehmender Entfernung wandelt sich mein Zeitgefühl in Zeitlosigkeit, ich verliere den Zeitbegriff, beginne,mich nur noch nach dem Hell und Dunkel einzurichten und nach dem Schlafbedürfnis. Bald entdecke ich, dass der Körper sich sehr schnell anpasst, wenn man ihn machen lässt. Also: Weg mit der Uhr, dem dümblichen Zeitdenken. Wieder Mani Matter: “..dr mönsch isch wi dä wo dr zug het verpasst und sech d’frag nächär gstellt het: wiso? Und gseht, dass sy uhr äbe hinder isch gange und dänkt, das söll nümme vorcho …”

Leben auf den Bahnsteigen – Leben in der Bahn

Bei längeren Zugshalten streck ich meine Beine, ziehe mich warm an, denn der Temperaturunterschied vom Wageninnern kann gut und gerne 50 Grad betragen: Auf 25 Grad ist der Wagen aufgeheizt, draussen, in Omsk zum Beispiel, ist es minus 25 Grad. Die Bahnsteighändler stehen schon bereit mit ihren Waren. Vom geräucherten Fisch, den gefrorenen Waldbeeren zu heissem Borschtsch, der russischen Nationalsuppe, ist fast alles zu haben, sogar Instant-Produkte (die man bei der Prowodniza aufkochen lassen kann). Am lebendigsten sind die kleineren Orte, wo meist ältere Frauen, die Babuschkas, tief vermummt auf den Bahnsteigen bereit stehen. Zwei Ermahnungen sind zu beherzigen: Zugsabfahrt nicht verpassen! – Frischprodukte können Durchfall verursachen (Prophylaxe: Vodka!)

Nach der viertägigen Fahrt bin ich froh, in Irkutsk einen kurzen Unterbruch einschalten zu können. Am nächsten Tag schon, frühmorgens, besteige ich den Zug Nr.8, der von Novosibirsk her kommt. Diesmal ists Wagen 10, Abteil IX ist reserviert und liegt direkt über dem Räderwerk des Wagens. Der “Sibir” ist ein normaler Zug, der von russischen Reisenden rege benützt wird, hat wenige Erstklasswagen, einen Speisewagen; der Reisekomfort ist etwas bescheidener. Die sanitären Anlagen entsprechen dem einfachen russischen Standart. Die Spülvorrichtung im WC muss erst mal ausprobiert werden. In der Bahn nach St.Petersburg betätigte ich einen roten Hebel, das Wasser ergoss sich wasserfallähnlich aus Brusthöhe ins Spülbecken, nur ein Sprung zur Seite konnte mich retten! Diesmal bin ich etwas vorsichtiger. Eine, nach dem Hebelgesetz funktionierende Pedale betätigt gleichzeitig Spülung und Kippdeckel im Ablauf, sofern dieser nicht zugefroren ist. Am besten bleibt man nicht zu lange sitzen! Etwas länger brauche ich herauszufinden, wie das Waschbecken funktioniert. Endlich! Mit der Handfläche drückt man den fast unsichtbaren Nippel unter dem Hahnen hoch. Solang man drückt, fliesst Wasser über die Hand. Waschen wird etwas kompliziert, doch es geht! Ich fühle mich wie in einer Berghütte in unsern Alpen. Da mein Abteil über dem Räderwerk liegt, verursacht jede Schienenspalte, jede Bremstätigkeit, jede Weiche einen Lärm, wie bei einem Panzerangriff. Mit der Zeit, der zeitlosen, beginnt man eine Rythmik in allen Tonhöhen herauszuhören., fast bekommt man Lust, eine Symphonie zu komponieren. Bei längeren Halten sind es die Klopfgeräusche der Beile, mit denen das Eis von den Bremsklötzen und den Federungen geschlagen wird, die nachts den Schlaf unterbrechen. Nachdem die Morgentoilette beendet ist, man hat ja viel Zeit dazu, begebe ich mich in den Speisewagen zum Frühstück. Auf dem Weg dorthin komme ich einmal mehr ins Staunen. Ein Heizer ist im Vorraum zum nächsten Wagen eben dran, den grad offenen Kohleofen aufzufüllen. Hier wird noch mit Kohle geheizt. Die Übergänge von Wagen zu Wagen sind beinah kriminell, vor allem nachts. Wohl hats beidseits der metallenen Schwellen sogenannte Handorgelwände. Dazwischen blickt man auf die Schiene. Eis und Schnee liegt auf den Schwellen und die eisernen Handgriffe sind so eisig, dass mir die Hand daran kleben bleibt. Zweimal begrüsse ich Mitreisende in meinem Abteil. Ich versuche,mich mit ihnen zu unterhalten. Mit Strichmännchen und einfachen Skizzen gelingt es, sich zu verständigen. Seiten um Seiten füllen sich in meinem Notizheft. Der internationale Wortschatz wie “bisnesmen”, “cement”, “softwer” hilft mit, sich zu verstehen. Gennady, einer meiner Gesprächspartner, packt plötzlich seine Tasche aus, bereitet auf dem Tischchen ein Gelage vor, stellt zwei Gläschen bereit und eine Flasche Vodka daneben, sagt zu mir “Russki – Tradition”, füllt die Gläser, prostet mir zu, gibt mir Zeichen, zuzugreifen, stürzt den Vodka in die Kehle … Nie wirds in der Bahn langweilig.

Der Speisewagen, ein soziales Umfeld

Im Speisewagen bin ich der einzige Tourist. Ab und an kommen Fahrgäste, um sich etwas zu kaufen, meist Vodka. Die Chefin sitzt am ersten Tisch nahe der Küche, hat die Rechenmaschine neben sich und liest tagelang in einem Marie-Scott-Roman. Die Köchin und die Serviererin sitzen auf der andern Seite, lösen Kreuzworträtsel, ich unterbreche die Idylle mit meinem Auftauchen. Die Menükarte ist reichhaltig. Da sich die meisten Russen im Abteil selbst verpflegen, sind nur wenige Speisen erhältlich. Abends sind mehr Leute da. Fast ausnahmslos handelt es sich um Zugspersonal, der Heizer ist da, Sicherheitsbeamte sind hier, auch Bahntechniker. Mit einem Bücherrevisor, der irgendwo zugestiegen ist, komme ich ins Gespräch. Ich staune selber, wie man sich unterhalten kann, ohne die Sprache zu kennen. Der Mann ist tatsächlich vom Finanzamt bestellt, die Buchhaltung des Speisewagens zu überprüfen (Gogols “Revisor” ist auferstanden!). Plötzlich sind zwei Reisende da, die nicht zum Bahnpersonal gehören. Einer spricht mich englisch an. “Aus Zürich?”, sagt er, “vor zwei Jahren arbeitete ich beim Zirkus Connelli, Conni Gasser ist Freund von mir.” So gross und doch so klein ist die Welt, zeitlos klein. Nie wirds hier langweilig …

Dem Tor zum Pazifik entgegen

Das Landschaftsbild ändert sich. Die Bahn durchfährt breite Täler, umsäumt von weiten, bewaldeten Hügeln. Jenseits befindet sich die Grenze zur Mongolei. Güterzüge um Güterzüge, die Wagen gefüllt mit Kohle, donnern am Fenster vorbei, rauchende Schlote aus Fabrikanlagen wechseln sich mit zerfallenen Fabriken ab. Eingeschneite Häuser kleiner Dörfer mit rauchenden Kaminen, die man von weitem schon sieht, beleben die sonst einsame Landschaft. Vor Chabarovsk überqueren wir den zugefrorenen Amur, einen Strom, so breit wie ein Schweizer See, der sich nordwärts entwässert. Es wird wieder Nacht, die letzte vor dem Ziel. Trotz der reichhaltigen Menükarte, kann ich mir im Speisewagen kein Festessen bestellen. Ich begnüge mich mit einem Salat, Frankfurter Würsten und Kartoffelpüree, statt Champagner genehmige ich ein Gläschen Vodka mit einer Tasse Tee. Frühmorgens erreichen wir das Ende der fast 10’000 km langen Strecke. War ich acht Tage unterwegs? Ich weiss es nicht mehr, mein Zeitgefühl ist vollständig abhanden gekommen. Moskauer Zeit plus sieben Stunden? Schweizerzeit plus neun Stunden? Ist ja egal. Diesmal holt mich am Bahnhof die birkenschlanke Elena mit Chauffeur ab, selbstverständlich mit einem Schild, auf welchem mein Name steht. Hab mich bereits daran gewöhnt. Sie begrüssen mich, tragen mein Gepäck, führen mich zum Hotel bis vors Zimmer. Ein Fax-Schreiben des Reiseunternehmens Ziegler und Partner erwartet mich bereits. Beruhigend! – Ich bin müde. Die Reise auf der Transsib ist alles andere als eine Erholungstour, jedoch spannender, im Winter ganz besonders. Elena spricht ein gutes Deutsch, sie zeigt mir ihre Stadt, die fast am Ende der Welt liegt und die mich ein wenig an San Franzisco erinnert. Ich freue mich auf Neuseeland, auf die Sonne dort.

Die Geschichte wird nie wissen, was wir mit ihr taten

Auf meine Frage, wie sie den Wechsel von der Sowjetzeit und der Zeit danach empfänden, erhielt ich verschiedene Antworten. Tatjana in St.Petersburg: “Es ist alles ganz anders.” “Besser?” “Für mich ja.” “Inwiefern?” “Bei Intourist hatten wir feste Stunden, festes Salär, die Überstunden ohne Salär waren obligatorisch, 28 Tage Urlaub im Jahr. Heute bin ich freischaffende Reiseleiterin, wenn ich mehr arbeite, verdiene ich mehr. Ich kann meine Arbeit einteilen so, wie ich will. Im Sommer ist Hochsaison, da läuft viel, so dass ich froh bin, im Winter wenig bis nichts tun zu müssen, ausser Einzelfälle betreuen, wie Sie. Das passt mir.” Elena in Vladivostok: “Seit dem Ende der Sowjetzeit ist Vladivostok eine offene Stadt. Der Handel und der Tourismus blühen auf, letzterer vor allem in der Hochsaison. Seit dem letzten September sind Sie der einzige Tourist. Wieso reisen Sie eigentlich im Winter?” “Weil …” Lassen wir das, es verstehts sowieso niemand Alexei in Irkutsk: “Besser, ja, viel besser. Man fühlt sich freier, kann sich als Unternehmer betätigen, wenn man will. Schade, dass es hier keinen MacDo gibt.” “Wieso?” “Für die vielen Schüler und Studenten eine billige Verpflegungsmöglichkeit. Irkutsk ist mit 650’000 Einwohnern zu klein für MacDo.” Ist es das, was Jean-Paul im 19.Jh. mit “Weltbürgerliches” und “Göttlichstädtisches” gemeint hat? Die MacDos in Ost und West, die Mr.Pickwicks in allen Städten, Toblerone und Nescafé an allen Kiosken Russlands, Estée Lauder, Christian Dior, Armani, Calvin Klein im GUM in Moskau, in allen grösseren Städten und Flughäfen des Ostens und des Westens, von Nivea bis Mr.Proper in allen TV-Spots, ist es wirklich das?

Geschichte der Transsib

1878 wird die Bahnverbindung Perm mit Sverdlovsk (Ekaterinenburg) jenseits des Urals, erstellt
1885 Fortsetzung des Steckenbaus bis Tyumen
1891 beauftragt Zar Alexander III seinen Sohn Zarewitsch Nicolai in Vladivostok den ersten Spatenstich für den Bau der Ussuri Strecke (Vladivostok – Chabarovsk) feierlich zu vollziehen
1898 Ussuri Strecke erstellt,Länge rund 780 km
1893 beginnt man mit der Strecke Novosibirsk – Irkutsk in Etappen bis 1899
1895 – 1900 Erstellung der Strecke Irkutsk – Chabarovsk
1916 Ganze Strecke von Sverdlovsk (Ekaterinenburg) bis Vladivostok vollständig befahrbar.

Moskau – Vladivostok: 9297 km
Durchschnittsgeschwindigkeit der Transsib heute: 80 km/Std.